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N. Skurcz: MK, IK und Schule und digitale Gesellschaft PDF E-Mail

Der folgende Bericht wendet sich an alle Mitstreiter in der Förderung der Informationskompetenz im Bildungswesen.

Im Besonderen berichte ich vom Fortgang meiner Bemühungen um eine Realisierung des "Zukunftsprojektes Schule und digitale Gesellschaft" das auch beim Wettbewerb Ideen für die Bildungsrepublik 2012 des BMBF eingereicht worden ist. Die DGI ist als Kooperationspartner beigetreten.

Zur Selbstorientierung, zur Rekognoszierung des Terrains "Medienkompetenz" und für weitere Kontakte habe ich am 10.5.2012 in Stuttgart eine Anhörung im Rahmen des Pilotprojektes Kindermedienland Baden-Württemberg besucht. Zweck der Veranstaltung war die Sammlung von Vorschlägen durch das Staatsministerium BW zur Verstetigung des Vorgehens ab Januar 2013:

http://87.106.79.96/fileadmin/_kindermedienland/downloads/Programm_Anhoerung_Kindermedienland.pdf

Die Kultusministerin wurde von Frau Ministerialdirektorin Dr. Margret Ruep vertreten.

Die 195 Teilnehmer repräsentierten das gesamte Spektrum von Anbietern medienpädagogischer Dienstleistungen im weitesten Sinn. Hinzu kamen Mitarbeiter aller involvierten Institutionen und Behörden. Verständlicherweise wurde oft Lobbyismus in eigener Sache betrieben. Nur 10% der Teilnehmer waren, wie ich, interessenmäßig nicht verortbar.

Im Publikum saßen Vertreter aller Parteien des Landtags, darunter auch Prof. Goll, der frühere Justizminister.

Während der ersten Publikumsdiskussion habe ich in einer kurzen Wortmeldung mein Zukunftsprojekt Schule und digitale Gesellschaft erwähnt und in groben Zügen beschrieben. Da allseits anerkannt war, dass ein neues Schulfach für "Medien" weder notwendig, noch angezeigt ist, habe ich den neuen Begriff disloziertes Schulfach eingebracht. Als Ziel habe ich die Fitness für das Leben in einer digitalen Gegenwart und Gesellschaft vorgestellt, eine Anforderung, die deutlich über Medienkunde  und den Umgang mit Social Media Software unter dem Leitgedanken des Jugendmedienschutzes hinausgeht. Als Lösungsvorschlag habe ich Staatsministerin Krebs die Idee von den Fachberatern für digitale Information unterbreitet, die sich im Umfang eines anteiligen Schulfachs an mehreren Schulen engagieren. In der Pause habe ich ihr meine Projektskizze überreicht.

Nach Ende der Veranstaltung wurde ich von Herrn Karlheinz Straub, dem Vorsitzenden des Landesarbeitskreises Medienzentren BW angesprochen. Er fand die schmeichelnden Worte, dass meine Anmerkung die einzige zukunftweisende gewesen sei. Ich will nicht verhehlen, dass ich der gleichen Ansicht bin, ohne die Leistungen der etablierten  Medienpädagogikprofis zu schmälern. Die Zielrichtungen unterscheiden sich deutlich.

Eine die inhaltliche Debatte störende Folge ist, dass man als Außenstehender schlecht einschätzen kann, wer sich, wenn er/sie behauptet, die Medienkompetenz zu fördern, in welchem Umfang tatsächlich mit Eigenarten und Auswirkungen des WWW und der Computerisierung/Digitalisierung der Gegenwart befasst. Meist nimmt man die Social Media für alles. Der Begriff Informationskompetenz wird nicht verwendet, äußerstenfalls von beteiligten Bibliotheken. Die Medienpädagogik spricht nur von Medienkompetenz, d.h., man befasst sich - naheliegenderweise - in großem Umfang mit Medien (=Geräteeinsatz) im Unterricht. Die Königsdisziplin scheint das Herstellen von (digitalen) Filmen zu sein. Unglücklicherweise wird die Diskussion von Geräteeinsatz im Unterricht oft mit modischen Produktnamen geführt, anstatt mit generischen Begriffen. Es scheint, als erwarte man einen Durchbruch für den Einsatz von Computern als Unterrichtsmittel für den Augenblick, in den man von der Eingabe per Tastatur zum Herumwischen auf Displays übergeht. In der Presse wurde mehrfach vom Einsatz dieser Technik in der Säuglingsbespaßung berichtet.

Auch medienethische Themen wurden angesprochen ("Wulf und die Rolle der Bildzeitung"), aber nicht vertieft. Man kooperiert gelegentlich mit dem CCC, dem SWR und dem Verband der Zeitungsverleger. Damit werden überwiegend Kenntnisse vermittelt, die seit langer Zeit in der Allgemeinbildung angekommen sind und i.G. keiner speziellen Förderung bedürfen. Alle halten, das ist der Stand der Technik, ihren Job für erledigt, wenn Materialien auf Servern abgelegt sind. Dort sollen sie gegebenenfalls von den projektierten Fachberatern für digitale Information abgeholt und im Unterricht eingesetzt werden!

Herr Straub hat während des zweiten Podiums ausdrücklich betont, dass die Kreismedienzentren nicht dem LMZ unterstehen, sondern autonom von den Landkreisen getragen werden, was offensichtlich wenig bekannt war.

Ein Frontbericht der Beraterin des LMZ für die Medienbildung der Eltern, Frau Eva Weiler, hat mir den Verdacht bestätigt, dass man niemanden (erwachsenen) drängen darf, sich mit digitalen Medien zu befassen, wenn ihn oder sie das nicht interessiert. Sie berichtete von Lehrern, die sich in breiter Front wie ungezogene Schüler verhalten haben. Daher auch mein Vorschlag, erfahrene "Liebhaber der Materie" in der Lehrerschaft zu identifizieren, diesen möglichst viele Freiheiten zu lassen und den Unterricht zu den digitalen Phänomenen auf die Schüler zu fokussieren. Idealerweise sollen die Materialien nach dem Prinzip des Crowdsourcing (analog Wikipedia) und der "Requests for Comments" weiterentwickelt werden. Die Beratungsarbeit in den Lehrerkollegien sollte nur auf Anfrage erfolgen, um Distanzierte nicht zu vergrätzen.

Ein interessantes Gespräch kam mit Dr. Wolfgang Kreißig zustande, einem Ministerialrat im Staatsministerium, Leiter des Referates für Rundfunkpolitik und Medien. Er betonte, dass der Adressat für meinen Vorschlag (selbstverständlich) das KuMi ist. Weiterhin ließ er erkennen - was auch kritisiert worden ist - dass nicht alle Projekte verstetigt werden können, weil das Geld nicht für alles reicht. Ich habe meine Intervention damit gerechtfertigt, dass in der Veranstaltung offenbar nach neuen Vorschlägen gesucht wurde. Im Small Talk konnte ich einige von meinen Kernthesen zu Inhaltsschwerpunkten plazieren.

Mir ist bewusst, dass ich genau erklären muss, was ich erreichen will, im Unterschied zu allem, was bereits läuft. Satan wirkt bekanntlich im Detail. Mein ambitionierter Themenkatalog, der, wie mir immer deutlicher wird, die wirkliche Innovation des Projektes darstellen dürfte, ist noch nirgends im Detail erörtert worden. Dabei ist äußerste Behutsamkeit angezeigt.

Andererseits ist für meine Ziele verwertbar, dass es in BW offenbar kaum verpflichtende Angebote für Medienkompetenz-förderung  in der Lehrerausbildung gibt. Damit wird meine Unterstellung bestätigt, dass man mit Warten auf die nächste Lehrergeneration nichts erreicht, außer Hinterhergucken. Die Zukunft ist wieder mal eher da, als die Remedur. Alle erforder-lichen Kenntnisse sind in der Lehrerschaft vorhanden, sie müssen lediglich durch die Möglichkeit der Professionalisierung ihr Einsatzgebiet finden können.

Die Veranstaltung hat mir erneut bewiesen, dass ich, trotz aller vorhandenen Parallelarbeiten auf den etablierten Gebieten, erwägenswerten Gedanken folge.

Norbert Skurcz/1505.2012

 

Wir danken Herrn Skurcz für diesen Beitrag!