Sie sind hier: Home DGI-Veranstaltungen DGI-Forum Wittenberg DGI-Forum Wittenberg 2013 ausführlicher Bericht
PDF E-Mail

Kopf oder Bauch ‑ wie entscheiden wir?

Bericht über das erste DGI-Forum Wittenberg 2013



In der 1502 von Kurfürst Friedrich III., genannt der „Weise“, gegründeten Universität „Alma Mater Leucorea“, die erste nicht von der Kirche gegründete Universität im „Heiligen Römischen Reich“, veranstaltetet die DGI (Deutsche Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis) vom 17. bis 19. Oktober 2013 in Fortführung der traditionsreichen Oberhofer Kolloquien das DGI-Forum Wittenberg. Die Namensänderung trug einerseits der Tatsache Rechnung, dass Oberhof schon seit langem nicht mehr der Veranstaltungsort dieses zweijährlichen Treffpunkts von Informationsvermittlern und Wissenschaftlern war, sie soll andererseits aber auch den Charakter dieser Fachtagung zu Information und Kommunikation als Plattform für einen offenen wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Diskurs rund um das vielschichtige Thema „Information und Wissen“ spiegeln.

Das Thema Entscheidungsfindung zwischen Information, Intuition und Manipulation bot den Rahmen für elaborierte akademische Vorträge, informelle Diskussionen und spontane Erkenntnisse sowie praktische und überraschende Einblicke in individuelle und gesellschaftliche Verhaltensweisen.

Eine unterhaltsame Stadtführung brachte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zwischendurch die Stadt Wittenberg mit ihrer über 800-jährigen Geschichte und den dort wirkenden Geistesgrößen Luther und Melanchton sowie die Zeugnisse des berühmten Malers Lucas Cranach, des Älteren, der viele Jahre Bürgermeister von Wittenberg war, nahe.

Prof. Dr. Matthias Ballod, Professor für Fachdidaktik im Germanistischen Institut an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, der die Veranstaltung maßgeblich organisiert und mitgestaltet hat, eröffnete die Tagung am 17. Oktober nachmittags mit Überlegungen zum Vertrauen als kostbarer Währung in allen Informations- und Kommunikationsprozessen. Informationsaustausch findet als Tauschbörse statt. So liefert man etwa im Internet Informationen allein durch die Tatsache, dass man etwas sucht.

Siegfried Rosemann erinnerte in seinem Rückblick auf die Oberhofer Kolloquien seit 1962 an deren Internationalität mit z.B. 51 Vorträgen aus dem Ausland im Jahr 1987 sowie an den weltberühmten Informatiker, Wissenschafts- und Gesellschaftskritiker Prof. Weizenbaum vom MIT, der die Tagungen von 2002 bis 2008 maßgeblich geprägt hat, und seine visionäre letzte Veröffentlichung „Wir gegen die Gier“. gab Stefan Schumacher, geschäftsführender Direktor des Magdeburger Instituts für Sicherheitsforschung, einen Einblick in die psychologischen Grundlagen des Social Engineering. Social Engineering ist eine Angriffsstrategie in der Informationstechnik, die nicht die Technik als Opfer auserkoren hat. Stattdessen werden hier viel lieber – und vor allem effizienter – der Mensch bzw. sein Verhalten angegriffen. Schumacher zeigte, wie Social Engineering funktioniert und erklärte die zugrunde liegenden Tricks anhand sozialpsychologischer Studien und Experimente. Außerdem wurden Beispiele, Warnsignale und Gegenmaßnahmen vorgestellt. Weitere Informationen enthält das Journal des Instituts (http://www.sicherheitsforschung-magdeburg.de/uploads/journal/MJS-001.pdf).

Der Mediziner und beliebte ehemalige Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt beschloss die Eröffnungssitzung mit seinem Erfahrungswissen als Arzt und Politiker. Dabei wies er auf die Leistung Luthers bei der Erarbeitung seiner deutschsprachigen Bibelfassung hin, die nicht dem Schema einer wortgetreuen automatischen Übersetzung entsprach, sondern ein nacherzählendes volkstümliches Übersetzen war, das die deutsche Sprache um viele Neuschöpfungen, wie etwa Ebenbild, Feuereifer, Langmut, Mördergrube oder Sündenbock, bereichert hat. Den verantwortungsvollen Umgang mit Sprache mahnte er ebenso an, wie die Notwendigkeit, dass Kinder trainieren müssten, eigene Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen, und nicht nur Informationen zu rezipieren: „Schludriger Umgang mit der Sprache führt zu Denkunschärfe“. Keine Sorge macht ihm die viel beschworene Informationsüberflutung, weil wir längst die Fähigkeit entwickelt hätten, das für uns Wichtige herauszufiltern. Doch der kritisch wertende Umgang mit Informationen setzt Bildung voraus.

Der Landesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit des Landes Sachsen-Anhalt, Dr. Harald von Bose, gab zum Auftakt des zentralen Tags des DGI-Forums am 18. Oktober einen aktuellen Überblick über die Widersprüche, die sich aus dem freizügigen Umgang mit persönlichen Daten, der Einführung von E-Government, der präventionsstaatlichen Überwachung und der Internationalisierung ergeben. Ohne die flächendeckende Vermittlung von Medien- und Informationskompetenz und eine allgemein akzeptierte Online-Ethik wird die moderne Überwachungsgesellschaft die Freiheitsidee nicht bewahren können.

Wie wir uns durch Sprachhülsen selbst täuschen, erläuterte der Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Gerd Antos von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Viele unserer zentralen Leit- und Lenkungsbegriffe „verzaubern uns“, weil sie einer positiven und daher kaum hinterfragten Selbstüberzeugungskraft unterliegen: „Sieg“, „Erfolg“, „Nutzen“, „Wachstum“, „Bio“, oder „Liebe“ gehören dazu, aber auch viele Fahnenwörter aus den Bereichen Emotion, Sozialprestige, Kunst, Kultur, Religion oder Konsum. An solchen „Teflon-Wörtern“ perlen Skepsis, Kritik oder gar Infragestellungen weitgehend ab. Wer also z.B. „Erfolg“ zum unterhinterfragten Maß aller Dinge macht, braucht sich nicht über Doping im Sport, Überfischung der Meere, hausgemachte Klimaänderung oder die „Macht der Banken“ wundern. Und wir können durch den Gebrauch von „Teflon-Wörter“ nicht nur bei Entscheidungen sehr schnell „zum Opfer unserer eigenen Propaganda“ werden.

Am Beispiel von Gesundheitsinformationen zeigte die Pflegewissenschaftlerin und Professorin Dr. Gabriele Meyer von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sehr anschaulich, wie schnell fehlerhafte Interpretationen klinischer Studienergebnisse entstehen können, aber auch wie im überredenden Gestus gehaltenen Verbraucher- und Patienteninformationsschriften Entscheidung beeinflussen. Der Anspruch auf vollständige und ausgewogene Information auf Basis der besten wissenschaftlichen Beweise (Evidenz) ist in den europäischen Patientenrechten festgelegt und wird auch von den meisten Patienten gewünscht. Evidenzbasierte Patienteninformation (EBPI) soll zu einer neuen Kultur der Informationsvermittlung führen und gute Entscheidungen in Gesundheitsfragen fördern.